Die Zerreißprobe

Als demokratische Zumutung bezeichnete unsere Bundeskanzlerin das Corona-Virus. Auf den Mikrokosmos Basketball mit seinen traditionell autokratischen Strukturen lässt sich dies zwar nicht wörtlich, wohl aber sinngemäß übertragen. Der Lockdown-light wird zur Zerreißprobe für die über den Sommer mühsam aufgebauten Teamgefüge.

Zu den nicht schriftlich fixierten, aber wohl einstimmig anerkannten Grundrechten im Sport gehört eine faire Behandlung des Spielers durch seine Trainer. Dass von einem 20er Kader nur zwölf aufgestellt werden und davon unterm Strich neun Mann Einsatzzeiten bekommen, liegt in der Natur der Sache. Wer das emotional nicht verkraftet, ist beim Basketball fehl am Platz. Es gilt die Coaches Decision, der sich jeder Teamsportler unterwerfen muss. Nicht immer verständlich, nicht immer richtig, aber unterm Strich hat jeder die Chance, sich im Training zu beweisen.

Dieses Grundrecht auf Chancengleichheit wird durch die achte Infektionsschutzverordnung außer Kraft gesetzt. Dort wird der „Trainingsbetrieb (…) der Berufssportler sowie der Leistungssportler der Bundes-und Landeskader“ erlaubt. Ansonsten ist nur die „Ausübung von Individualsportarten“ gestattet und zwar „allein, zu zwei oder mit Personen des eigenen Hausstandes“. Für die Jahn-Teams U14, JBBL und NBBL heißt das im Klartext: Die eine Hälfte darf, die andere nicht. Wer wie NBBL-Spieler Robert Becker Teil des Oberhachinger ProB-Teams ist, was als Berufssport zählt, trainiert weiter. Wer wie U14-Spieler Lenny Bücherl offiziell vom Bayerischen Basketball-Verband als „Teil des aktuellen Landeskaders“ gelistet ist, auch. Für die anderen bleibt nur die Ausübung als Individualsportart, maximal zu zweit.

Eine Vergleichskultur, „Warum darf der und ich nicht?“, wird geradezu heraufbeschworen und empathische Privilegierte plagt ein schlechtes Gewissen, „Steht mir das Training überhaupt zu?“. Anders als bei den traditionellen Coaches Decisions haben wir Trainer hierauf keine Antwort und können nur empfehlen, sich diese Fragen gar nicht erst zu stellen. Der Neid lässt sich nicht wegregulieren, wir müssen lernen, mit ihm zu leben. Es ist eine Zerreißprobe für die #jahnfamily.

Instinktiv wünscht man sich, es gäbe die Trainingsoption für die Auserwählten gar nicht erst und alle würden gleich (schlecht) behandelt. Als Verein hätten wir theoretisch die Freiheit, unser Programm für alle stillzulegen. Das wäre vermutlich fairer, aber nicht richtiger. Denn es gehört auch zu unseren Aufgaben, das Mögliche aus den Spielern und aus den Teams herauszuholen und irgendwann spielen wir wieder in Wettkämpfen gemeinsam gegen andere Mannschaften. Beim Stand von 70:70 im Schlussviertel ist dann jeder froh über seinen Teamkollegen, der sich in der Zeit des Lockdowns individuell und im Rahmen seiner Möglichkeiten verbessert hat.

Und es herrscht nicht nur innerhalb eines Vereines Ungleichheit, sondern auch darüber hinaus: Wer in Nürnberg wohnt, durfte im Sommer lange Zeit gar nicht in die Hallen, in Düsseldorf durfte man hingegen schon sehr früh wieder Sport mit Kontakt betreiben. In Mecklenburg-Vorpommern ist der Sport für Kinder auch während des Lockdown-Lights weiterhin zugelassen. Und das Programm in Sportinternaten läuft weiter, schließlich ist es hier Schulsport und der ist erlaubt.

Es ist zu hoffen, dass bald wieder ein normaler (Trainings-)Betrieb für alle möglich ist. Bis dahin heißt es, seine Gedanken in positive Bahnen zu lenken, die vorhandenen Optionen dankbar anzunehmen und sich die richtigen Strohhalme zu greifen. Und wem es ganz schlecht geht, schaut einfach auf die Herren-4: Die haben seit März kein Sportbetrieb mehr gehabt und sind Augenzeugenberichten zufolge immer noch in bester Verfassung. Für den Sportler gibt es zum Optimismus eben keine Alternative.

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